Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

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Letzte Änderung: 12.04.2016

Thrombophilie [I82.9]

OMIM-Nummer: 188050, 612309 (Faktor V), 176930 (Faktor II)

Dr. rer. nat. Christoph Marschall, M. Sc. Kathrin Wittkowski

Wissenschaftlicher Hintergrund

Die jährliche Inzidenz für tiefe Beinvenenthrombosen wird mit 1:1.000 angegeben. Risikofaktoren für Venenthrombosen können genetisch bedingt oder erworben sein. Durch epidemiologische Studien konnten bereits mehrere genetische Risikofaktoren für Venenthrombosen identifiziert werden, unter denen neben der Resistenz des Gerinnungsfaktors V gegen aktiviertes Protein C (APC) auch eine erhöhte Plasmakonzentration von Prothrombin eine wichtige Rolle spielt.

Die APC-Resistenz ist der häufigste bislang bekannte Risikofaktor für Venenthrombosen. Die genetische Ursache ist in 90% ein Polymorphismus im Gerinnungsfaktor-V-Gen (c.1691G>A), wodurch Arginin an Aminosäureposition 506 durch Glutamin ersetzt wird. Dadurch kann der aktivierte Faktor-V nicht mehr ausreichend durch aktiviertes Protein C gespalten und inaktiviert werden. Ein heterozygoter Faktor-V-Leiden-Polymorphismus (rs6025) findet sich bei ca. 5 - 7% der kaukasischen Bevölkerung und wird bei etwa einem Viertel aller Thrombosepatienten nachgewiesen. Homozygotie für diesen Polymorphismus ist hingegen mit einer Prävalenz von 0,02% in der Gesamtbevölkerung sehr selten. Heterozygotie für den Faktor-V-Leiden-Polymorphismus ist mit einem 5 - 10-fach erhöhten Risiko für venöse Thrombosen assoziiert. Für homozygote Merkmalsträger erhöht sich das individuelle Thromboserisiko um das 50-80-fache.

Das durch den Faktor-V-Leiden-Polymorphismus bedingte Thromboserisiko kann auch durch das Vorliegen weiterer genetischer Faktoren, wie z.B. den Prothrombin-G20210A-Polymorphismus, weiter erhöht werden. Prothrombin (Faktor II) ist die Vorstufe von Thrombin, welches innerhalb der Gerinnungskaskade an der Umsetzung von Fibrinogen zu Fibrin beteiligt ist. Ein Polymorphismus an Nukleotidposition 20210 der 3‘-untranslatierten Region des Prothrombin-Gens, FII-G20210A (rs1799963), ist mit einer erhöhten Prothrombin-Konzentration im Plasma assoziiert. Hierdurch kommt es zu einer Hyperkoagulabilität des Blutes, wodurch die Betroffenen ebenfalls ein lebenslang erhöhtes Thromboserisiko aufweisen. Der Prothrombin-Polymorphismus ist neben dem Faktor-V-Leiden-Polymorphismus der zweithäufigste genetische Riskofaktor. Etwa 2% der westlichen Bevölkerung sind heterozygote Träger dieses Polymorphismus, wodurch sich das individuelle Thromboserisiko um den Faktor 2-3 erhöht.

Zusätzlich zu den genetischen Faktoren gibt es eine Reihe exogener Faktoren, die einen Einfluss auf das individuelle Thromboserisiko haben. Zu diesen Faktoren zählen u.a. Immobilisation, Rauchen, Schwangerschaft, die Einnahme oraler Kontrazeptiva sowie Alter und Übergewicht. Eine Thromboseprophylaxe für asymptomatische Anlageträger wird derzeit nicht empfohlen. In besonderen Risikosituationen, wie z.B. bei längerer Immobilisation oder bei Schwangeren, bei denen zusätzliche Risikofaktoren vorliegen, kann eine vorübergehende Thromboseprophylaxe indiziert sein. Beim Auftreten schwerer thrombotischer Ereignisse oder bei Rezidiven kann eine längerfristige oder dauerhafte Antikoagulation angezeigt sein.