Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Myotone Dystrophie Typ 1 (Curschmann-Steinert-Syndrom) [G71.1]

OMIM-Nummer: 160900, 605377 (DMPK)

Dr. rer. biol. hum. Soheyla Chahrokh-Zadeh, Dr. med. Imma Rost

Wissenschaftlicher Hintergrund

Die Myotonen Dystrophien, multisystemische Erkrankungen mit autosomal-dominantem Erbgang, stellen die häufigsten Muskeldystrophien des Erwachsenenalters dar. Für die Myotone Dystrophie Typ 1 (DM1) wird die Inzidenz auf 1:8.000 geschätzt. Erste Symptome, z.B.  Myotonie, werden meist im frühen Erwachsenenalter bemerkt, d.h. die verzögerte Relaxation eines angespannten Muskels. Zusätzlich treten Muskelschwäche und Ermüdbarkeit auf, sowie Schluckstörungen, ein längliches, mimikarmes Gesicht, Katarakt, Diabetes mellitus, Herzrhythmusstörungen, bei Männern frühzeitige Entwicklung einer Stirnglatze und Hodenatrophie. Das klinische Erscheinungsbild der DM1 wird in vier zum Teil überlappende Phänotypen kategorisiert: asymptomatischer, milder, klassischer und neonataler Phänotyp. Bei der konnatalen Form imponiert v.a. die ausgeprägte Muskelhypotonie, oft mit Klumpfußstellung, meist verbunden mit Ateminsuffizienz und Trinkschwäche. Die psychomotorische Entwicklung ist oft verzögert. Diese Form tritt überwiegend bei der Weitergabe der Erkrankung über die Mutter und nur bei der DM1 auf.

Die DM1 wird durch eine CTG-Repeat-Expansion im 3’-untranslatierten Bereich des DMPK-Gens auf Chromosom 19 verursacht, das für eine Protein-Kinase codiert. Die differentialdiagnostisch wichtige DM2 (Proximale myotone Myopathie=PROMM-OMIM-Nr: 602688) wird durch die Expansion eines CCTG-Repreats in Intron 1 des ZNF9-Gens auf Chromosom 3 verursacht. Das Phänomen der Antizipation - d.h. Abnahme des Erkrankungsalters und/oder Zunahme des Ausprägungsgrades der Symptome von einer Generation zur nächsten - ist bei der DM1 besonders ausgeprägt. Normalpersonen haben im DMPK-Gen 5-36 CTG-Repeats, DM-Kranke bis zu ca. 1.000, Kinder mit der kongenitalen Form über 1.000 Repeats.

Bei der prädiktiven Diagnostik werden gesunde Risikopersonen untersucht, in der Regel erstgradige Verwandte von Betroffenen. Laut Gendiagnostikgesetz (GenDG) soll bei jeder diagnostischen genetischen Untersuchung eine genetische Beratung angeboten werden. Bei prädiktiver genetischer Diagnostik muss laut GenDG vor der Untersuchung und nach Vorliegen des Resultates genetisch beraten werden, außer es liegt eine schriftliche Verzichtserklärung der Risikoperson nach schriftlicher Aufklärung über die Beratungsinhalte vor.

Literatur

Turner et al., J Neurol Neurosurg Psychiatry. 81(4):358-67 (2010) / Schara et al, Semin Pediatr Neurol 13:71 (2006) / Ranum et al, Am J Hum Genet 74 :793 (2004) / Larkin et al, Brain Research Bulletin 56:389 (2001)