Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

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Letzte Änderung: 12.04.2016

Multiple endokrine Neoplasie Typ 2A und B (MEN2) [D44.8]

OMIM-Nummer: 171400162300, 164761 (RET)

Dr. rer. biol. hum. Soheyla Chahrokh-Zadeh

Wissenschaftlicher Hintergrund

Ca. 20 bis 25% der medullären Schilddrüsenkarzinome sind hereditär. MEN2 ist eine seltene, zumeist erbliche Tumorerkrankung mit autosomal-dominantem Erbgang und einer Prävalenz von ca. 1:50.000. Sie wird klinisch in drei Unterformen eingeteilt (MEN2A, MEN2B und FMTC). Bei der häufigsten Form MEN2A (Sipple-Syndrom), liegt das medulläre Schilddrüsenkarzinom in Kombination mit einem Phäochromozytom und / oder Nebenschilddrüsenadenom vor. Die Erstmanifestation klinischer Symptome liegt meistens im 2. oder 3. Lebensjahrzehnt in Form von Hyperparathyreoidismus, Hyperthyreose, Cushing-Syndrom und kutanem Lichen amyloidosus. Bei der FMTC (familial medullary thyroid carcinoma), die ca. 30-40% der Fälle betrifft, liegt ausschließlich ein medulläres Schilddrüsenkarzinom vor. Mit der Durchführung einer präsymptomatischen Diagnostik sowie anschließender Thyreoidektomie und chirurgischer Entfernung der Phäochromozytome kann die Prognose deutlich verbessert werden.

Ursächlich für MEN2A und FMTC sind Mutationen im RET-Protoonkogen, welches für einen Tyrosinkinase-Rezeptor codiert. Die häufigsten Mutationen betreffen die Exons 5, 8, 10, 11, 13, 14 und 15. Inzwischen ist eine klare Assoziation zwischen spezifischen Mutationen (Genotypen), dem Erkrankungsalter und der Aggressivität der Entwicklung des Schilddrüsenkarzinoms bekannt.

Ebenso wie MEN2A wird auch die seltenere Form MEN2B (endokrine familiäre Adenomatose, Typ IIB, Wagenmann-Froböse-Syndrom) durch Mutationen des RET-Protoonkogens verursacht. Der Erbgang ist autosomal-dominant, ca. 50% der Fälle entstehen de novo. Charakteristisch ist die Kombination von medullärem Schilddrüsenkarzinom, Phäochromozytom und multiplen Neurinomen. Wichtige Symptome sind Café-au-lait-Flecken, Lippenhypertrophie, marfanoider Habitus, Pectus excavatum und Megacolon. Das Fehlen von nasalen und laryngealen Mucosa-Neurinomen sowie die Präsenz von Nebenschilddrüsenadenomen in Patienten mit MEN2A sind die wichtigsten Kriterien zur Differentialdiagnose.

Bei der prädiktiven Diagnostik werden gesunde Risikopersonen untersucht, in der Regel erstgradige Verwandte von Betroffenen. Laut Gendiagnostikgesetz (GenDG) soll bei jeder diagnostischen genetischen Untersuchung eine genetische Beratung angeboten werden. Bei prädiktiver genetischer Diagnostik muss laut GenDG vor der Untersuchung und nach Vorliegen des Resultates genetisch beraten werden, außer es liegt eine schriftliche Verzichtserklärung der Risikoperson nach schriftlicher Aufklärung über die Beratungsinhalte vor.

Schematische Darstellung des <i>RET</i>-Protoonkogens mit den von Mutationen betroffenen Positionen bei den verschiedenen Formen der MEN2 (mod. n. Ponder in Scriver et al (eds):The Molecular & Metabolic Bases of Inherited Disease, 8th Ed, Chapter 42, 2001)
Schematische Darstellung des RET-Protoonkogens