Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

CHARGE-Syndrom (Hall-Hittner-Syndrom) [Q87.8]

OMIM-Nummer: 214800, 608892 (CHD7)

Dr. med. Imma Rost, Dr. rer. nat. Christoph Marschall

Wissenschaftlicher Hintergrund

Das CHARGE-Syndrom (Hall-Hittner-Syndrom) wird autosomal-dominant vererbt, tritt aber in den meisten Fällen sporadisch mit einer Häufigkeit von ca. 1:10.000 auf. Das Akronym CHARGE steht für Coloboma, Heart defect, Atresia choanae, Retarded growth, Genital hypoplasia und Ear anomalies. Nach Verloes (2005) sind Hauptkriterien Colobome, Choanalatresie und Hypoplasie der Bogengänge, Nebenkriterien Funktionsstörungen im Bereich des Hirnstammes wie z.B. Paresen im Bereich des VII. bis XII. Hirnnerven, Taubheit, Störungen der Hypothalamus-Hypophysen-Achse, die Wachstumshormon und Gonadotropine einschließen, Anomalien im Bereich des äußeren und Mittelohres, Fehlbildungen mediastinaler Organe wie Herz und Ösophagus und mentale Retardierung. Die Diagnose trifft zu, wenn drei Hauptkriterien oder zwei Haupt- und zwei Nebenkriterien vorliegen. Die klinische Variabilität ist groß. Die Lebenserwartung ist abhängig vom Schweregrad der Fehlbildungen; bis zu einem Drittel der Betroffenen versterben innerhalb des ersten Lebenshalbjahres. Meist besteht eine psychomotorische Entwicklungsverzögerung, gelegentlich liegt die Intelligenz im Normbereich.

Bei 60 bis 70 % der Patienten werden Mutationen im CHD7-Gen gefunden. (CHD: Chromodomäne, ATPase/ Helicase- und eine DNA-bindende Domäne). CHD-Proteine, die der Familie der Chromatin Remodeling Faktoren angehören, beeinflussen Chromatin-Struktur und  Genexpression  und  haben  damit  eine wichtige Funktion in der Embryonalentwicklung. Die Mutationen erstrecken sich über die gesamte codierende Region (Exons 2-38) des CHD7-Gens. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um trunkierende Mutationen, die zu einem vorzeitigen Abbruch der Proteinsynthese führen. In 1-2% der Fälle liegen Deletionen vor. Es gibt keine Genotyp-Phänotyp-Korrelationen. In mindestens einem Fall wurde ein Keimzellmosaik nachgewiesen, so dass auch bei fehlendem Mutationsnachweis bei den Eltern ein geringes Wiederholungsrisiko nicht ausgeschlossen werden kann.

Literatur

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