Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

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Letzte Änderung: 12.04.2016

Beta-Thalassämie [D56.1]

OMIM-Nummer: 613985, 141900 (HBB)

Dipl.-Biol. Birgit Busse, Dipl.-Biol. Wolfgang Rupprecht

Wissenschaftlicher Hintergrund

Beta-Thalassämie ist eine heterogene Gruppe von autosomal-rezessiv vererbten Erkrankungen, die auf der verminderten Synthese eines strukturell normalen β-Globins beruhen. Variante Formen treten im Zusammenhang mit kombinierter Heterozygotie mit anderen Hämoglobinvarianten wie z.B. dem Sichelzell-Hämoglobin oder dem Hb Lepore auf. Die homozygote Form wird auch als Thalassaemia major bezeichnet, die heterozygote als Thalassaemia minor. Die Minor-Form zeigt meist nur eine leichte, hypochrome mikrozytäre Anämie, wesentliche klinische Symptome werden in der Regel nicht beobachtet. Bei der Intermediärform der Beta-Thalassämie (Thalassaemia intermedia) liegt der Schweregrad zwischen der Thalassaemia minor und major. Symptome der Thalassaemia major, die auch als Cooley-Anämie bezeichnet wird, treten meist bereits in den ersten Lebensmonaten auf, sobald das HbF durch HbA0 ersetzt wird. Klinisch fallen die Kinder durch eine Gedeihstörung, Hepatosplenomegalie und Ikterus auf, es besteht eine mikrozytäre hypochrome Anämie mit auffälliger Erythrozytenmorphologie. Bei unbehandelten Patienten führt die gesteigerte, aber ineffektive Erythropoese durch Verbreiterung der Markräume zu charakteristischen Skelettveränderungen v.a. im Bereich der Schädelknochen. Durch die gesteigerte Erythropoese kommt es zu einem Ungleichgewicht in der Synthese der Globinketten und somit zu einem Überschuss an freien α-Globinketten, die aufgrund ihrer Instabilität rasch denaturieren. Dies wiederum führt bereits im Knochenmark zur vorzeitigen Hämolyse der Erythrozyten bzw. ihrer Vorstufen. Die symptomatische Therapie der Major-Form erfolgt durch regelmäßige Bluttransfusion. Zur Vermeidung einer Eisenüberladung mit der Gefahr der Hämosiderose ist zusätzlich eine Therapie mit Eisenresorptionsinhibitoren indiziert. Die einzige kausale Behandlungsmöglichkeit ist derzeit die Knochenmarktransplantation.

Das Hämoglobinmolekül besteht aus 4 Globinketten, wobei jeweils zwei gleiche Ketten als Tetramer vorliegen (HbA0:α2β2, HbA2: α2δ2, HbF: α2γ2). Die Diagnose kann in den meisten Fällen durch eine Hämoglobin-Elektrophorese gestellt werden (Erhöhung des HbA2, evtl. auch des HbF). Die Bestätigung erfolgt durch den molekulargenetischen Nachweis von einer bzw. zwei Mutationen im β-Globin-Gen (HBB). Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 3% der Weltbevölkerung Anlageträger für Beta-Thalassämie sind, jedoch ist die Häufigkeit in den verschiedenen ethnischen Gruppen sehr unterschiedlich. Eine besonders hohe Prävalenz findet sich in den Mittelmeerländern, in Teilen Asiens, im Nahen Osten und in Westafrika.

Kristallstruktur des Hämoglobins nach Tame und Vallone (2000). Datensatz 1A3N der Protein Data Bank (www.pdb.org).