Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Apolipoprotein C-II-Defizienz (Typ I-Hyperlipidämie) [78.6]

OMIM-Nummer: 207750, 608083 (APOC2), 238600, 609708 (LPL), 606368 (APOA5)

Dr. med. Hanns-Georg Klein

Wissenschaftlicher Hintergrund

Durch seine zentrale Bedeutung bei der Aktivierung der Lipoproteinlipase (Lpl) spielt Apolipoprotein C-II (Apo C-II) eine wichtige Rolle beim Stoffwechsel von triglycerid-reichen Lipoproteinen, insbesondere von Chylomikronen. Primärer Apo C-II-Mangel ist ein seltener, autosomal-rezessiv vererbter Stoffwechseldefekt, der durch extrem erhöhte Serumkonzentrationen von Triglyceriden (bis 30.000 mg/dl) und Chylomikronen (milchig-rahmiges Serum) gekennzeichnet ist (Hyperlipidämie Typ I nach Fredrickson). Neben der hereditären Form ist auch eine erworbene, reversible Form des Apo C-II-Mangels beschrieben, die z.B. durch Chemotherapie verursacht werden kann. Die Diagnose wird meist im Zusammenhang mit rezidivierenden Pankreatitiden gestellt (DD: hereditäre Pankreatitis), eruptive Xanthome und Hepatomegalie sind häufige phänotypische Merkmale, die jedoch nur bei der angeborenen Form auftreten. Apo C-II-Defizienz ist nicht mit einem erhöhten Koronarrisiko assoziiert. Die Behandlung besteht aus fettarmer Diät, Alkoholkarenz und ggf. der Gabe von Fibraten. Fibrate induzieren über Aktivierung des Transkriptionsfaktors PPARα die Expression von Lpl, wodurch die Triglyceridkonzentration im Serum weiter gesenkt werden kann. Eine Fibrat-Therapie ist daher nur bei intaktem LPL-Gen sinnvoll. Da LPL-Defizienz ebenfalls mit Typ I-Hyperlipidämie assoziiert ist, kann die Analyse des LPL-Gens im Zusammenhang mit der Therapieplanung sinnvoll sein.

Die Erkrankung ist auf homozygote oder gemischt heterozygote Mutationen im APOC2-Gen zurückzuführen, die sekundär zu einem funktionellen Lpl-Mangel führen. Das APOC2-Gen liegt auf Chromosom 19 und ist im APOE/APOC1/APOC2-Gencluster lokalisiert. Vor kurzem konnten in einigen Familien mit Typ I-Hyperlipidämie, bei denen weder eine Mutation im APOC2- noch im LPL-Gen nachgewiesen werden konnte, Mutationen im APOA5-Gen identifiziert werden. Apolipoprotein A-V scheint ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Regulation des Triglyzeridmetabolismus zu spielen, da es bereits bei Heterozygotie zu einer Disposition für hypertriglyzeridämische Zuständen kommt. Das APOA5-Gen liegt in der Nachbarschaft des APOA1/APOC3/APOA4-Genclusters, dessen Genprodukte an der Homöostase des Triglyceridmetabolismus beteiligt sind.

Literatur

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