Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Mikrodeletion 22q11.2 [Q93]

OMIM-Nummer: 188400, 192430

Dr. med. Imma Rost

Wissenschaftlicher Hintergrund

Die Mikrodeletion 22q11.2 ist die häufigste Mikrodeletion mit einer Inzidenz von 1:4.000 und mit der größten Variabilität der klinischen Symptomatik. Die schwere Ausprägung wird durch das Vollbild des DiGeorge-Syndroms (s. dort) definiert, mit komplexem Herzfehler, Thymusaplasie und daraus resultierendem Immundefekt, Hypoparathyreoidismus durch Aplasie der Nebenschilddrüsen, Entwicklungsverzögerung und Minderwuchs; die leichte Ausprägung zeigt sich z.B. mit lediglich diskreten Dysmorphiezeichen, evtl. einem Minderwuchs und einer heiseren Stimme. Es gibt Überlappungen zwischen den einzelnen Syndromen; auch innerhalb einer Familie kann der Ausprägungsgrad stark variieren. Die Ursache für diese starke Variabilität auch bei gleicher Deletion ist noch nicht geklärt.

Die Mikrodeletion 22q11.2 bewirkt einen Entwicklungsfelddefekt der 3. und 4. Schlundtasche sowie des 4. Kiemenbogens und der daraus abgeleiteten Strukturen wie herznahe Gefäße, Thymus, Nebenschilddrüsen. 75% der Patienten haben Herzfehler, v.a. Aortenbogenanomalien und konotrunkale Herzfehler. Bis zu 70% aller Patienten haben zumindest vorübergehend eine Hypokalzämie. An äußeren Merkmalen finden sich ein etwas weiter Augenabstand mit einer flachen Nasenwurzel, hypoplastische Nasenflügel, ein schmaler Mund mit einer die Unterlippe überragenden bogenförmigen Oberlippe, eine Retrognathie. Im Erwachsenenalter sollen bis zu 20% psychiatrische Auffälligkeiten haben. Bei den seltenen kindlichen Psychosen gehört die Mikrodeletion 22q11.2 zur Differentialdiagnose. Bei 5-10% liegt die Mikrodeletion bereits bei einem Elternteil vor, was dann ein Wiederholungsrisiko von 50% für weitere Kinder bedeutet. Daher sollten die Eltern eines betroffenen Kindes, v.a. wenn weiterer Kinderwunsch besteht, ebenfalls untersucht werden.

Literatur

Kobrynski LJ et al, Lancet 370:1443 (2007) / Momma K, Int J Cardiol 114 (2):147 (2007) / Yamagishi H, Keio J Med 51 (2):77-88 (2002) / Scambler PJ, Hum Mol Genet 9, 16:2421-2426, (2000) / Rost I, Monatsschr Kinderheilkd, 148:55-69,(2000) / Ryan AK et al, J Med Genet 34: 798-804, (1997)