Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

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Letzte Änderung: 26.10.2015

Vorzeitige Ovarialinsuffizienz (POF) [N97.0]

OMIM-Nummer: 311360, 309550 (FMR1), 300247 (BMP15), 136435 (FSHR)

Dr. rer. nat. Annett Wagner, Dr. med. Dagmar Wahl

Wissenschaftlicher Hintergrund

Die vorzeitige Ovarialinsuffizienz (Menopause unter 40 Jahren) betrifft etwa 1-2% der weiblichen Bevölkerung und führt zu Infertilität und Mangel an Geschlechtshormonen. Wie bei der natürlichen Menopause, die bei den meisten Frauen mit ca. 50 Jahren eintritt, haben POF-Patientinnen ein erhöhtes Risiko z.B. für Osteoporose. Biochemisch werden unproportinal höhere FSH-Werte als LH-Werte gemessen (hypergonadotrope Ovarialinsuffizienz). Die Ursachen sind zu ca. 20-25% genetisch bedingt, ca. 10-15% werden durch Autoimmunreaktionen hervorgerufen, 30-40% sind iatrogen und 40-60% idiopathisch bedingt. Verschiedene Gene auf dem X-Chromosom tragen zur ovariellen Funktion bei. POF tritt z.B. bei 4-5% der Frauen mit Ullrich-Turner-Syndrom auf, bei denen keine primäre Amenorrhoe vorlag sowie bei partiellen X-Monosomien.

Prämutationen (CGG-Repeat von 55-200 Wiederholungen) im FMR1 (Fragiles X-Mentale Retardierung1)-Gen sind mit 10-15% derzeit die häufigste Ursache für eine vorzeitige Ovarialinsuffizienz. Etwa 20% aller Prämutationsträgerinnen entwickeln eine POF. Bei Frauen mit einer sporadischen POF werden in 0,8-7,5% der Fälle Prämutationen gefunden. Bei Frauen mit familärer POF beträgt die Häufigkeit einer Prämutation bis 13%. Bei Kinderwunsch ist eine genetische Beratung angezeigt, da sowohl ein erhöhtes Risiko für Kinder mit einem Fragilen-X-Syndrom, als auch ein Risiko für das Eintreten der Menopause vor Realisierung des Kinderwunsches besteht.

In einem weiteren Kandidatengen, BMP15 (Human Bone Morphogenetic Protein-15, Region Xp11.2), konnte bei 2% der Frauen mit POF eine relevante Mutation nachgewiesen werden. Das Gen enthält zwei Exons und kodiert für einen Oozyten-spezifischen Wachstums- und Differenzierungsfaktor, der die Follikelgenese und das Granulosazellwachstum stimuliert.

Des Weiteren konnten bei Patientinnen mit vorzeitiger Ovarialinsuffizienz Mutationen im FSHR-Gen (Follikel-Stimulierendes-Hormon-Rezeptor-Gen) nachgewiesen werden. Dieses Gen befindet sich auf Chromosom 2p21-p16 und besteht aus 10 Exons. Der intakte Rezeptor ist Voraussetzung für eine normale Gonadenentwicklung, Keimzellproduktion und sexuelle Reifung in der Pubertät.