Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Alpha-Thalassämie [D56.0]

OMIM-Nummer: 604131, 141800 (HBA1), 141850 (HBA2)

Dipl.-Biol. Birgit Busse, Dipl.-Biol. Wolfgang Rupprecht

Wissenschaftlicher Hintergrund

Die Alpha-Thalassämie beruht auf einer quantitativen Störung der α-Globinketten-Synthese. Durch das Defizit an α-Globinketten kommt es zur Bildung von Überschusshämoglobinen, die maßgeblich am Krankheitsbild der Alpha-Thalassämie beteiligt sind. Wie andere Hämoglobinopathien auch, tritt die Erkrankung gehäuft in Ländern auf, in denen Malaria endemisch ist und wird deshalb mit einer gewissen Resistenz gegenüber Plasmodien in Verbindung gebracht. Besonders häufig findet man Alpha-Thalassämie in Völkern Asiens, Arabiens und Afrikas sowie den Mittelmeerländern.

Die häufigste molekulargenetische Ursache für Alpha-Thalassämie ist die Deletion eines oder mehrerer α-Globin-Gene. Da in der normalen menschlichen Zelle der α-Globin-Genkomplex aus 4 α-Globin-Genen besteht (je ein HBA1- und ein HBA2-Gen auf jedem Chromosomen 16), ist der Schweregrad des Krankheitsbildes abhängig von der Anzahl der deletierten α-Globin-Gene. In seltenen Fällen können auch Punktmutationen bzw. kleinere Deletionen und Insertionen in den α-Globin-Genen für eine Alpha-Thalassämie ursächlich sein. Klinisch lässt sich die Symptomatik in 4 Schweregrade einteilen:

  • Asymptomatische Form: nur ein α-Globin-Gen ist deletiert. Die Erkrankung wird meist nur zufällig entdeckt, da alle hämatologischen Parameter unauffällig sind.
  • Alpha-Thalassaemia minor: Deletion von zwei α-Globin-Genen, geringe hämatologische Veränderungen (Hypochromasie, Mikrozytose).
  • HbH-Krankheit: Es ist nur noch ein funktionelles α-Globin-Gen vorhanden. Ein wesentliches Kennzeichen ist die unterschiedlich stark ausgeprägte hypochrome, mikrozytäre Anämie und der Nachweis von Hämoglobin H (HbH), einem Tetramer aus vier ß-Globinketten (ß4).
  • Hb-Bart’s-Hydrops-fetalis-Syndrom: vollständiger Verlust der α-Globin-Gene, ist in der Regel nicht mit dem Leben vereinbar. Die betroffenen Kinder sterben meist noch im Mutterleib oder kurz nach der Geburt.

Kristallstruktur des Hämoglobins nach Tame und Vallone (2000). Datensatz 1A3N der Protein Data Bank (www.pdb.org).


Literatur

Kohne et Kleihauer, Dtsch Arztebl Int 107:65 (2010) / Vichinsky, Hematology Am Soc Hematol Educ Program 35 (2009) / Fucharoen et Viprakasit, Hematology Am Soc Hematol Educ Program 26 (2009) / Voon et Vadolas, Haematologica 93:1868 (2008) / Rund et Fucharoen, Curr Mol Med 8:600 (2008) / Schrier et Angelucci, Annu Rev Med 56:157 (2005) / Thein, Annu Rev Med 56:157 (2005) / Kohne, J Lab Med 28:400 (2004) / Lentze et al (eds) Pädiatrie, 2. Auflage, SpringerVerlag (2003) / Chui et Waye, Blood 91:2213 (1998) / Kleihauer et al, Anomale Hämoglobine und Thalassämiesyndrome, ecomed Verlag (1996) / Higgs, Baillieres Clin Haematol 6:117 (1993)